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Buch: Landgasthöfe in Baden-Württemberg

Unser Landgasthof im Buch Landgasthöfe in Baden-Württemberg.

Im Frühjahr 2014 wird das Buch "Landgasthöfe in Baden-Württemberg" im Buchhandel erscheinen.
Unser Landgasthof ist mit von der Partie. Hier die ersten Einblicke:

Landgasthof zum Adler, Vogt

Um den Adler in Vogt ranken sich viele Geschichten, die jüngste ist die interessanteste. Die Rede ist von seiner Wiederauferstehung, denn das Wirtshaus lag völlig am Boden. Wenn ein Gasthof einer Bank oder Sparkasse gehört, das Regenwasser ungehindert vom Dach durch alle Geschosse bis in den Keller fließt und am Eingang ein Schild mit der Aufschrift „Vorübergehend geschlossen“ hängt, ist das zumeist nicht nur ein vorübergehender Zustand – wenn nicht glückliche Umstände eintreten.

Dabei schien noch 1969 die Zukunft des Adlers gesichert, als ein Industrieller aus der Nachbarschaft den Gasthof erwarb und kräftig investierte. Neben dem Gastraum wurde eine Stube aus Zirbelholz eingerichtet – sie existiert heute noch im Original – und der große Saal zur Kantine des Betriebs umgerüstet. Mit der Insolvenz des Unternehmens ging dieser Höhenflug zu Ende. Die Flügel des Adlers erlahmten, denn die nachfolgenden Wirte reüssierten nicht. Äußerlich mit seiner Größe und majestätischen Ausstrahlung immer noch der Blickfang in der Ortsmitte von Vogt, innerlich aber marode, kam es zum Verkauf durch die Gläubigerbank. Nach dreijährigem Leerstand erfuhr das junge Ehepaar Nicole und Andreas Humburg aus Fürstenfeldbruck – sie Hotelkauffrau, er Küchenmeister – von dem Verkauf. Die beiden schauten sich in Vogt um und verliebten sich in den Adler. Langjähriger Renovierungsstau und Leerstand hatten dem Gebäude so zugesetzt, dass ohne aufwendige Grundsanierung bis hin zum Austausch der Holzbalkendecken an einen Weiterbetrieb nicht zu denken war. Ein solcher Schritt wollte natürlich gut überlegt sein, denn ein Gasthaus kann nicht per se garantieren, dass die Investitionen
wieder zurückf ließen. Für die Humburgs stellte sich außerdem die Frage, ob sie als Fremde im kleinstädtischen württembergischen Vogt das ehemalige Stammpublikum würden zurückgewinnen können. Nicole und Andreas Humburg waren aber keine Zauderer. „Wir wagen es“, lautete ihr Motto. Sie stürzten sich in das Abenteuer, aus einem verrotteten Gasthof wieder ein Schmuckstück zu machen. Mit sehr viel Geschick, Sinn für den Umgang mit historischer Bausubstanz und Geschmack bei der Ausstattung schufen sie ein Ambiente, das den Adler als traditionelles Dorfgasthaus einerseits erhalten hat, jedoch den Gast sofort spüren lässt, dass hier etwas Besonderes neu geschaffen wurde. Der Gastraum bekam eine neue Holzdecke und einen neuen -boden. An der Wand neben dem Eingang wurde eine alte Holzbohlenwand freigelegt. Mit einer passenden ländlich-schicken Dekoration und Mobiliar aus Massivholz erzeugten die Humburgs eine Behaglichkeit, wie man sie von einem Landgasthof erwartet. Die alte Bündnerstube und die neu eingerichtete Schefflerstube sind Schmuckkästchen.Der große Saal wurde festlich umgestaltet: ein idealer Ort für Hochzeiten und Familienfeste.

Schließlich fanden hinter dem Haus noch eine kleine Gartenwirtschaft und im Keller eine Weinstube Platz. Der Adler ist seither für alle Bedürfnisse seiner Gäste gerüstet. Auch einige Zimmer für Übernachtungen stehen zur Verfügung. Nicole und Andreas Humburg hätten sehr zufrieden auf das gelungene Werk blicken können, denn schnell sprach sich herum, dass der Adler in neuem Glanz erstrahlt war. Die beiden spürten jedoch, dass sie noch nicht an ihrem Ziel angekommen waren. Die Diskussion über grüne Gentechnik, Lebensmittelskandale, Massentierhaltung und die Chemieduschen über den nicht weit entfernten Obstplantagen rund um den Bodensee ließen sie nachdenklich werden. Sie wollten Äußeres und Inneres, das Haus und die Küche,
in Einklang bringen. So reifte der Entschluss, das Lokal als erstes der Region, komplett auf Bioware umzustellen. Zunächst musste in vielen Versuchen getestet werden, ob die Bio-Lebensmittel auch geschmacklich überzeugten. Das war uneingeschränkt der Fall, und die Umstellung gelang. Die Preise sind zwar etwas teurer geworden, das Preis-Leistungsverhältnis ist jedoch stimmig geblieben. Auch die Auswahl der Speisen hat nicht gelitten. Ganz im Gegenteil: Neue Gerichte wie gratinierter Ziegenkäse auf feinen Auberginenplätzchen mit Zucchini-Lasagne und Kräuterrisotto, hausgemachte Maultaschen mit Blattspinat und Schafskäse an Petersiliensoße oder eine große Eiskarte mit Demeter-Eis kamen hinzu. Die Rubriken „Herzhaftes und Deftiges“ und „Fleischloses“ sind vielseitig. Alle werden im Adler kulinarisch fündig. Damit auch jeder weiß, dass alles mit rechten Dingen zugeht, sind die Lieferanten des Hauses auf der Speisekarte aufgeführt. Der Adler, ein Traditionshaus, hat Zukunft. Die heutigen Inhaber sind so erfolgreich wie anno 1777 der erste Wirt. Damals wurde in der noch winzigen Ansiedlung Vogt eine Kaplanei eingerichtet, um die weit verstreuten Gehöfte seelsorgerisch zu betreuen. Der Bauer Josef Diem erkannte schnell, dass die vom Umland kommenden Kirchgänger verköstigt werden mussten und richtete in seinem Haus eine Wirtschaft ein. Er hatte den richtigen Riecher, das Haus florierte, was aber umgehend die Konkurrenz aus dem Nachbarort Blöden auf den Plan rief, die ihre Felle davon schwimmen sah. Mit der nicht ganz so falschen Behauptung, im Adler würden auch während des Gottesdienstes verbotenerweise Getränke ausgeschenkt, begann ein jahrelanger Rechtsstreit, der die Kontrahenten durch mehrere Instanzen bis vor die für Vorderösterreich zuständige Wiener Hofkanzlei führte. Bauer Diem verlor den Prozess, kaufte aber dann die Konzessionsrechte seines während des langen Rechtsstreits verstorbenen Prozessgegners und konnte so sein Lokal weiterbetreiben.
Seit über 230 Jahren ist der Adler gastronomischer Mittelpunkt von Vogt. Ortsgeschichte, Familiengeschichten und viele Begebenheiten haben die Identität des Hauses geprägt. Eine Episode hat der Ortschaft Vogt den Ruf als „sündiges Dorf“ eingebracht. Im Jahr 1946, als nach dem Zweiten Weltkrieg die Ernährungslage schlecht war, kam der damalige Adlerwirt Alfred Liebhart auf die Idee, im Adlersaal trotz rationierter Lebensmittel am Faschingsfreitag ein großes „Fescht“ zu organisieren, um den täglichen Entbehrungen einmal zu entrinnen. Im Vorfeld des Ereignisses wurde schwarz geschlachtet, Schnaps gebrannt und Wein gehortet. Eine Bühnenshow mit leicht bekleideten Mädchen führte schließlich dazu, dass das Fest bei Wein, Weib und Gesang zu später Stunde aus den Fugen geriet. Am folgenden Sonntag wetterte der Pfarrer von Waldburg, dem die Geschichte zu Ohren gekommen war, in seiner Predigt gegen die Auswüchse der Fasnet, kam dabei zunehmend in Erregung und prägte den bis nicht ausschweifend im Feste. Nicht dass Ihr’s macht wie die da drüben im sündigen Dorf.“ Dabei zeigte er mit ausgestrecktem Arm in Richtung Vogt.